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Armin Nassehi im Interview


Multinational aufgewachsen, Schalke-Fan, Buchautor, Gesellschaftstheoretiker und Professor für Soziologie – Armin Nassehi ist im Interview ein humorvoller, vor allem aber denkscharfer Gesprächspartner.
Im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung zur Data Literacy Education an der Universität Bielefeld haben Silke Schwandt (Geschichtswissenschaft) und Oliver Böhm-Kasper (Erziehungswissenschaft) Armin Nassehi für ein gemeinsames Interview gewonnen, in dem es um Daten, Big Data, Digitalisierung und die notwendigen Kompetenzen in einer digitalen Gesellschaft geht.

Hier gehts zum Video: https://youtu.be/kcs7L6T8PUQ

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Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und weist ein breites Forschungsspektrum auf, in dem er immer wieder gegenwartsbezogene Fragestellungen aufgreift und reichhaltige soziologisch-systemtheoretische Erklärungsangebote bietet. 2019 veröffentlichte Nassehi das Buch Muster – Theorie einer digitalen Gesellschaft, das in namenhaften Rezensionen als „Augenöffner“, „helles Licht der Aufklärung“, als „anregende Diagnose der Gegenwart“ „frei von Alarmismus und Allgemeinplätzen“ hoch gelobt wird. Sein kommunikatives Geschick und der Gegenwartsbezug seiner Auseinandersetzungen machen ihn darüber hinaus zum beliebten Gast in Talkshows und Radiosendungen.

Was sind Daten?

Im Verlauf des Interviews beschreibt Nassehi Daten, völlig unabhängig von einem primär informatischen Verständnis, als das, was durch Etwas oder Jemanden gegeben ist. Daten existieren eben nicht einfach – sie müssen gegeben werden und können epistemologisch als „Spuren der Welt“ umrissen werden. Diese Spuren können verschiedenförmig auftreten. Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass sie geordnete Signale sind, „deren Ordnung selbst die Bedeutung ausmacht und die auf etwas verweisen, das sie nicht selbst sind“. Dabei sind Daten nie die Wirklichkeit, um die es geht, sondern dasjenige, womit man sich die Wirklichkeit erschließt. Nassehi plädiert somit für einen sehr umfassenden und anschlussfähigen Datenbegriff, der beispielsweise auch geschichtswissenschaftliche Quellen als Daten versteht. Im Umgang mit Daten sucht der Mensch Ordnung und Zusammenhänge. Daten, so erklärt Nassehi, sind eigentlich nichts Anderes, als „die Form, wie wir uns die Welt überhaupt erschließen“, und die uns den Anlass geben, wiederum neue Daten zu erzeugen, indem wir beispielsweise Texte schreiben oder Ergebnisse formulieren.

Was ist im Unterschied zu Daten – eigentlich „Big Data“?

Nassehi hebt zunächst hervor, dass der Big-Data-Begriff kein systematischer Begriff ist und dass es dabei nicht nur darum geht, dass es Datensätze gibt, die „big“ sind. Vielmehr ist dem Begriff eigen, dass erhobene Daten für mehr genutzt werden, als das, wofür sie eigentlich erhoben worden sind. Datensätze, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, werden also miteinander in Relation gesetzt. Big Data ist in unserer westlichen Kultur mittlerweile in unsere Alltagspraktiken integriert und dadurch omnipräsent. Auf diese Weise gehen aus unserer Gesellschaft mehr Daten hervor, als gebraucht werden, mehr als wir merken und mehr als man für die Praktiken, um die es eigentlich gerade geht, eigentlich braucht.

„Der Big Data Begriff verweist eigentlich nur darauf, dass sie die Welt sind, mit der wir umgehen. Daten sind Spuren der Welt und die Welt ist ohnehin immer nur in den Spuren unserer Verarbeitungsprozesse – ob nun bewusste oder soziale, kulturelle, symbolische – zugänglich. Inzwischen sind Daten also die Dinge, mit denen man am meisten machen kann – ob vom Wahlkampf bis zur Steuerung von Gärprozessen bei der Herstellung von Käse.“

Was verstehen wir eigentlich unter dem Phänomen der Digitalisierung?

Für die Antwort auf diese Frage holt Nassehi weit aus und zieht im Gesprächsverlauf Register der Techniksoziologie, in der das Verhältnis von Gesellschaft und Medien untersucht wird. Auf diese Weise wird deutlich, dass wir uns in einer Medienumbruchsphase befinden, die massiven Einfluss auf unser Gesellschaftssystem ausübt. Dabei spielen Medienwechsel eine wichtige Rolle, in deren Kontext Nassehi sich mit der Frage danach auseinandersetzt, welche Probleme bestimmte Leittechnologien für ihre jeweilige Gesellschaft lösen. In Bezug auf die Digitalisierung behauptet Nassehi, dass „die Denkungsart der Digitalisierung eigentlich schon im 19. Jahrhundert beginnt“. Neckisch behauptet er, dass dies wohl für jedes Argument zutrifft, das es historisch zu belegen gilt. Die Erklärung für seine These bleibt aber nicht aus, denn im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert beginne in unseren Breitengraden eine neue Denkungsart: Daten werden erfasst, verarbeitet und optimiert. Beispiele hierfür sind die Sozialplanung, die Entstehung des Betriebskapitalismus, das Militärwesen, die Verwaltung, Bildungsplanung, Wissenschaft und Medizin. 1918 wurde das statistische Reichsamt in Deutschland gegründet. Die dort erhobenen Daten führten zu einem politischen, ökonomischen und planerischen Mehrwert und wurden schnell zum Staatsgeheimnis erklärt. Erst im 20. Jahrhundert kamen dann Rechenmöglichkeiten hinzu, die dieses Vorgehen dann radikal optimiert haben.

„Im Grunde genommen fiel die Digitaltechnik jedoch in eine Welt hinein, in der die Tätigkeiten, die die Techniken, welche die Digitaltechnik stark gemacht hatte, bereits kannte.“

Armin Nassehi behauptet, dass sich das institutionelle Arrangement der Gesellschaft nach dem Wiener Kongress nicht wirklich verändert habe und diese Institutionen in ihrer Funktionsweise nicht anders als über den Weg der Datenverarbeitung operieren können. Ein weiteres Argument für seine These bildet die Tatsache, dass im selben Zeitraum, in der die Denkungsart zur Datenverarbeitung beginnt, auch die Hermeneutik entsteht, auf die sich viele Wissenschaften noch heute beziehen.

Welche Kompetenzen braucht man in der Digitalen Gesellschaft besonders?

Zunächst betont Nassehi, dass wir noch ganz am Anfang stehen, die Digitalwelt überhaupt zu verstehen. Zur Literalität gehört vor allen Dingen, darüber nachzudenken, worin uns das Digitale überhaupt beeinflusst. „Was bedeutet es, beispielsweise beim Fitnesstracking, mit solch einer Form der Selbst- und Weltbeobachtung zu leben? Wie verhalten sich Daten dazu, was wirklich der Fall ist? Was ist die DSGVO?“ Bildungsprozesse müssen das Bewusstsein dafür schaffen, dass unsere Gesellschaft sich in einem Transformationsprozess befindet. Als Teil einer Gesellschaft, in der Technik für uns Entscheidungen zu treffen vermag, müssen sie dementsprechend Zurechnungsfragen – neben rechtlichen vor allem ethische – stellen. In dem Zusammenhang bezieht sich Nassehi beispielhaft auf die Technologie selbstfahrender Autos, die ihre Umgebung scannen und selbstständig Entscheidungen über die Fahrweise des Automobils treffen. Selbstfahrende Autos agieren allerdings nicht auf Grundlage eines vorgefertigten Datensatzes, sondern müssen diesen selbst erzeugen und sind dadurch fehleranfällig. Wem rechnet man einen Unfall mit diesem Auto zu?

Man müsse Vertrauensstrukturen gegenüber den von uns genutzten Programmen kritisch reflektieren können. Diese Kompetenz gilt es in allen Bildungsinstitutionen zu fordern und zu fördern – insbesondere aber in Schulen. Hier müssen Lernformen und Fächerkanons überdacht werden.

Auch in den Wissenschaften braucht es einen kritischen Umgang; vor allem aber eine verstärkte epistemologische Selbstkritik der Fächer, die zur jeweiligen Gegenstandskonstituierung leitet.

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